Rudolf Schröder

Das schlechte Gewissen

Im Flugverkehr von Kontinent zu Kontinent hatte das Düsenzeitalter gerade begonnen. Natürlich blieben auf den weniger beflogenen Strecken noch die Propellermaschinen eingesetzt. Die Geschichte ist also schon kleine Vergangenheit. Es war in der zweiten Dezemberhälfte.
Alle Welt schickte sich an, noch vor den Feiertagen nach Hause zu kommen. Doch ausgerechnet jetzt tobten über dem Atlantik schwerste Stürme. Und, was selten vorkam, der Flugverkehr von Europa über den Mittelatlantik war empfindlich gestört und fiel für kurze Zeit sogar aus. Damit war meine Heimreise von Venezuela nach Ecuador mit Überwechsel in Curaçao schon am Vormittag beendet.
Der Anschlussflug war vorerst gestrichen. Die Fluglinie brachte ihre Gäste daraufhin im besten, sehr malerisch an der Hafeneinfahrt gelegenen Hotel unter. Zunächst war es gar nicht unangenehm. Die Gesellschaft hatte bekannt gegeben, dass der Flieger Europa noch nicht verlassen habe, trotzdem sollten sich aber alle, über Panama weiterfliegende, jederzeit zum Abflug bereithalten, da möglicherweise eine Ersatzmaschine eingesetzt werden könnte. Da saßen wir nun! Die zugänglichen Räume des Hotels waren bald erkundet. Die Bar, für deren Getränke es leider keine Gutscheine gab, öffnete aber erst später. Den eleganten Seewasserswimmingpool wagte kaum jemand zu benutzen, um die Ankündigung und Bereitschaft zum Weiterflug nicht zu verpassen. Schließlich wurde bekannt gegeben, dass der Anschluss nicht vor dem nächsten Abend oder sogar noch später zu erwarten wäre. Nun gut! Ich kannte die kleine Insel und besonders Willemstad mit seinem altholländischen Charme von früheren Aufenthalten. Noch vor Dunkelheit war alles schnell wieder ausgemacht. Die wenigen Geschäftsstraßen waren überlaufen. Das üppige Warenangebot des Freihafens zog die Leute an. Gegen die mageren Einkaufsmöglichkeiten in ganz Südamerika ein Paradies!
Nach dem Abendessen ging ich recht missmutig in die Bar. Hier saßen schon einige Leidensgenossen. Am Nebentisch fiel mir ein Herr auf, der in einem zu dieser Zeit in Deutschland oft erwähnten Buch las "Das Mädchen Rosemarie". "Aha, ein Landsmann", dachte ich und sprach ihn an, aus Langeweile und Neugier. Es ergab sich, dass wir fürs erste das gleiche Reiseziel hatten. Ich musste dann aber nochmals umsteigen. Wir verabredeten uns zu einem kleinen Einkaufsbummel am kommenden Morgen, denn es wurde bekannt gegeben, dass nach dem Mittagessen der Weiterflug geplant sei. Während ich dann in einem Geschäft mit Spielwaren drei Märklin -Eisenbahnwagen kaufte, füllten seine Erwerbungen zwei mittelgroße Pappkartons, die er sich sofort ins nahe Hotel bringen ließ. Alles war zum Weiterflug bereit, der sich dann aber doch bis zum nächsten Morgen verzögerte. In Panama ein kurzer Aufenthalt und dann endete bei der nächsten Landung unser Zusammensein in Guayaquil.
Das Gepäck wurde zur Zollkontrolle gebracht. Der Herr stellte seinen Koffer vor mir auf den Tisch, seine Pakete ließ er am Boden und sagte nur kurz "Ach, bringen Sie doch die Kartons mit durch der Zoll, ich erwarte sie dann am Ausgang", nahm seinen Koffer und verschwand. Was sollte ich tun? Ich kam mir vor wie der so genannte "Neffe im Lebensmittelmarkt". Eine Dame steht vor einem jüngeren Herrn an der Kasse. packt ihre Waren in die Taschen und sagt zu der Kassiererin: "Die Rechnung bezahlt mein Neffe. Sie können alles mit seinen Einkäufen verrechnen. Nicht wahr, Friedrich, ist doch ein netter Zufall, dass wir uns hier getroffen haben". Nimmt ihre vollen Taschen und verschwindet. Ich fühlte mich genauso überrumpelt und nur aus einem, in diesem Fall völlig unangebrachtem Solidaritätsgefühl wollte ich als Ausländer kein Aufsehen erregen. Schließlich ging alles glatt, ohne Beanstandung.
Der Luftverkehr war damals noch nicht so durchorganisiert wie heutzutage. Das Flugnetz weniger eng und mit den Anschlüssen klappte es auch nicht immer. Der Flieger in die Hauptstadt war kurz vor unserer Ankunft abgeflogen. Ich konnte erst am nächsten Vormittag weiter, musste also wieder im Hotel übernachten. Ein Taxi brachte mich schnell hin. Nach kurzer Erfrischung wollte ich zur Agentur der Linie um mein Weiterkommen am nächsten Morgen bestätigen zu lassen. Kaum war ich auf der Straße, als ein Mann auf mach zutrat und fragte: "Sie sind doch eben aus Panama gekommen!". Was sollte das? "Ja, und?" ich wollte weitergehen. Der Mensch mittleren Alters, nicht einmal schlecht gekleidet, meinte nur, er müsse mich in einer diskreten Angelegenheit sprechen. "Was wollen Sie, ich habe keine Zeit!" Ja, Ich hätte geschmuggelt. Und er wäre vom Zoll und müsse die Gebühren einziehen. Irgendwie hatte ich, wegen der beiden mir aufgedrängten Pakete, kein reines Gewissen und dachte im Augenblick nicht daran, dass der Kerl gar nicht berechtigt sein konnte, auf der Straße etwas zu kontrollieren, geschweige denn Gebühren zu erheben. Mir gingen die Pappkartons mit den Eisenbahnen, die bestimmt hohe Zollgebühren gekostet hätten, durch den Kopf. Wusste der Kerl vielleicht davon, es war doch alles ohne besondere Kontrolle durch die Zollinspektion gekommen. Zudem sah der Mann nicht nach einer Amtsperson aus. Und was wollte er vorbringen! Als ich schließlich weiterging verfolgte er mich und nannte eine größere Summe. die an ihn zu entrichten wäre. Da wurde mir klar, dass er ein ganz übler Schnorrer war, der sich auf diese ungewöhnliche Art Geld beschaffen wollte. Ich wies ihn schroff zurück und wollte weiter. Da wurde er weich und kam mit der Arzneimasche: "Meine Frau ist sehr krank und braucht dringend Medizin, diese ist aber zu teuer, mir fehlt das Geld, können Sie mir etwas aushelfen?" Um den Bettler, der mir immer noch folgte, endlich los zu werden, gab ich ihm verärgert eine Kleinigkeit.
Auf der Agentur der Fluglinie wurde mir dann der Anschluss für den frühen Vormittag bestätigt. Gesprächsweise erwähnte ich mein Zusammentreffen mit dem lästigen Schnorrer. "Ach. sind Sie auch auf den Kerl hereingefallen! Der macht das schon Jahre lang und ist in der Stadt gut bekannt. Er hat alle Ankunftszeiten der internationalen Flüge im Kopf, weiß auch in welchen Hotels die Ankommenden gewöhnlich absteigen und sucht sich dort seine Opfer. Die Polizei hat ihn schon öfter verjagt, der Mensch ist einfach hartnäckig." Dass ich auf einen solchen Trick hereingefallen war, war mir dann doch ziemlich peinlich und das nur wegen der Pakete, die mir gar nicht gehörten. Den Herrn, der mir dies eingebrockt harte, traf ich später angelegentlich eines Empfangs. Doch, wie es so schön heißt: "Die Begrüßung war sehr förmlich beiderseits, denn man kannte sich bereits".

Valid HTML 4.01 Transitional