Rudolf Schröder

Währungsreform

In den drei westlichen Besatzungszonen ging schon seit längerer Zeit ein Gerücht um: Die alte Reichsmark sollte abgewertet oder ersetzt werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Gebrauchswaren wurde immer schlechter. Geschäftsleute, die noch aus früheren Zeiten ein, wenn auch kleines, Warenlager hatten, hüteten es wie ihren Augapfel für den erwarteten Tag X, den Tag der Währungsreform. Mich selbst betraf dies weniger. Ich war nach Kriegsdienst und Gefangenschaft mit 33 Jahren ein schon älterer Student und arbeitete gerade an meiner Dissertation. Nun hat eine solche Tätigkeit an sich überhaupt nichts mit einer Währungsumstellung zu tun, doch konnte ich froh sein, den Rat eines Kommilitonen befolgt und die Gebühren für die im Juli angesetzte Prüfung bereits in Reichsmark bei der Universitätskasse eingezahlt zu haben.
hochzeitIch wollte heiraten. Meine Braut wohnte und arbeitete in Vallendar, einer Kleinstadt in meiner Nähe, ihre Eltern aber lebten in Lübeck. Dort war auch das Aufgebot bestellt worden. Die standesamtliche Trauung war für den 19. Juni vorgesehen, die kirchliche sollte sich anschließen. Wir mussten also rechtzeitig vom Rhein an die Trave nach Lübeck fahren. Auch hier hatte ich den richtigen Riecher! Ich kaufte gleich die Fahrkarten für die Hin- und Rückfahrt. Sie waren nur wenige Tage gültig, doch meine Braut konnte wegen ihrer Arbeit, ich wegen der Vorbereitung zu meiner mündlichen Prüfung sowieso nicht länger in Lübeck bleiben. Die Eltern meiner Braut hatten nach der Trauung eine kleine Feier mit Essen im Kreis der Familie vorgesehen. Schon eine ganze Weile hatten sie dafür ihre Lebensmittelmarken zurückbehalten und über irgendwelche Verbindungen noch etwas dazu eingekauft und getauscht. Es fehlten ihnen aber die Getränke. Da ich in einer Weingegend lebte, wollte ich dafür sorgen. Auch als Student war ich natürlich nicht ganz ohne Erfahrung auf dem Schwarzmarkt, denn ich musste ja schließlich überleben. Meine Ersparnisse von der Arbeit bei einer Behörde waren inzwischen fast aufgebraucht. Um es kurz zu machen: Ich konnte sechs Flaschen Riesling auftreiben. Dabei war es damals völlig gleich, ob trocken, halbtrocken oder mild, auch die Lage und der Jahrgang spielten keine Rolle, von Restsüße sprach erst recht niemand. Hauptsache, es war Wein, und er schmeckte auch danach- Rechtzeitig machten wir uns also vom Rhein auf den Weg nach Lübeck. Es war nicht einfach, mit den Koffern - meiner aus Sperrholz, mit kleinem Vorhängeschloss - und dem Weinkarton einen Platz zu bekommen, und auch das meist nur für kurze Zeit, denn wir mussten mehrmals umsteigen.
In den Abteilen kursierte das Gerücht einer bevorstehenden Geldumstellung. Jeder, der zufällig zusammengekommenen Reisenden wusste etwas. Allerdings ahnte niemand, dass sein Geld schon in drei Tagen wertlos sein würde! Unseren kleinen Weinkarton hatte ich an Stelle des üblichen Papierbindfadens mit einer richtigen starken Hanfschnur verschnürt. Nur so konnte ich ihn tragen. Dies fiel einem Mitreisenden auf. Er fragte nach dem Inhalt und dem Preis und machte dann ein verlockendes, weit überhöhtes Angebot. Hatte der Mann soviel überflüssiges Geld? Ich kannte die Weinpreise in den Anbaugebieten recht genau, denn ich hatte ihn ja selbst auf dem Schwarzmarkt erworben. Natürlich lehnten wir ab. Das Angebot wurde weiter erhöht. Die anderen Mitreisenden machten schon bissige Bemerkungen. Die ganze Sache wurde uns immer unangenehmer, und wir lehnten energisch ab. Irgendwo auf einem Zwischenhalt stieg der Mann aus. Offensichtlich hatte er vor der noch nicht verkündeten, aber allgemein erwarteten, Währungsumstellung sein Geld loswerden und uns den mit Mühe erstandenen Wein abluchsen wollen.
Nach einigen Strapazen kamen wir später als ursprünglich erwartet im Haus meiner Schwiegereltern an. So gut wie es zu jenen Zeiten eben ging, hatten sie alles festlich vorbereitet. Schon für den nächsten Vormittag war unsere Trauung vorgesehen. Allerdings lag für uns eine sehr betrübliche Nachricht bereit. Es war ein Telegramm mit einer Absage meiner Eltern. Sie lebten in Thüringen, das damals zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. An der Zonengrenze bei Ellrich am Südharz hatte ihnen der russische Grenzposten wegen irgendeines fehlenden Papiers oder Stempels den Grenzübertritt in die englische Besatzungszone verwehrt. Schweren Herzens mussten sie wieder umkehren. Sie durften ihre Schwiegertochter erst vier Jahre später in Berlin kennen lernen, ein beliebter Treffpunkt der Deutschen aus dem Westen und aus dem Osten.
Jeder wusste etwas anderes über die bevorstehende Währungsreform. Einige ganz Schlaue kannten nicht nur das genaue Datum, sondern auch schon den Umstellungskurs. Man hörte obendrein noch von Gaunern, die besonders älteren in Gelddingen nicht so erfahrenen Leuten Wertgegenstände abgeschwatzt hätten. Ansonsten waren die meisten der wenigen verfügbaren Waren einfach aus den Läden verschwunden. Alles wartete auf den großen Knall. Und er kam! Bei der standesamtlichen Trauung am Sonnabendvormittag waren nur die Trauzeugen und einige Freunde anwesend. Meine Schwiegermutter und eine Tante mussten sich um das Hochzeitsessen kümmern. Mein Schwiegervater hatte sich um einen hübschen Brautstrauß bemüht. Er erhielt ihn mit der Auflage, die Blumen nach der Geldumstellung in der neuen Währung zu bezahlen. Die Reichsmark war zwar noch gültig, doch niemand wollte sie mehr annehmen. Der Hochzeitsschmaus war bescheiden. Ich glaube, es gab eine Suppe, dann wohl Fisch, weil der in Lübeck leichter zu beschaffen war, und einen Nachtisch. Der mitgebrachte Wein wurde allseits geschätzt.
Nach den Bestimmungen konnte das alte Geld, die Reichsmark (RM), in das neue umzutauschende Geld, die Deutsche Mark (DM), gewechselt werden. Vorgesehen war eine Währungsumstellung von zunächst 60 Reichsmark im Verhältnis 1:1. Jeder Einwohner konnte sich sofort sein "Kopfgeld" von 40 DM abholen. Die restlichen 20 DM sollten im August ausgegeben werden. Jeder, ob Greis oder Säugling, war also für kurze Zeit gleich arm oder reich. Für uns hatte der Umtausch allerdings einen Haken. Ausgerechnet am Tag X waren wir in einer fremden Stadt praktisch ohne Geld. Man bekam die 40 DM nämlich nur am Wohnort, der im Personalausweis eingetragen war. Um den zu erwartenden Riesenandrang des Umtausches schnell zu bewältigen, wurden die Lokale für das Wechseln schon am Sonntag früh geöffnet. Doch was nützte es uns? Meine Frau wohnte in der französischen Zone und ich war in der amerikanischen Besatzungszone gemeldet. Eine gemeinsame Wohnung hatten wir noch nicht. Unsere Rückfahrkarte war zum Glück bezahlt, doch wie sollten wir die Fahrt und die ersten Tage nach der Heimkehr ohne einen Pfennig überstehen? Viele kinderreiche Familien hatten nicht genug Geld zum Umtausch zur Hand. Das wurde in gewisser Hinsicht unsere Rettung. Schwager und Schwägerin bekamen mit drei kleinen Kindern 200 Deutsche Mark. Sie hatten als Flüchtlinge aus Pommern jedoch kaum Geld. Ich konnte ihnen etwas von unserem geben. Dafür gaben sie uns, gewissermaßen als Überbrückungshilfe, das für zwei Kinder eingetauschte Kopfgeld. Nach unserer Rückkehr wollten wir dann sofort Geld eintauschen und ihnen das geliehene zurückzahlen. Es klappte alles. Auch die Schwiegereltern gaben uns zu gleichen Bedingungen noch einen geringen Betrag. Gleich am Tage nach unserer Ankunft schickten wir das geliehene Geld postwendend zurück- Ein Wunder war geschehen: Mit dem Währungsschnitt füllten sich über Nacht Warenlager und Schaufenster. Es gab wieder Dinge zu kaufen, an die sich viele kaum noch erinnern konnten. Nun ging es wirtschaftlich wieder aufwärts.
Allerdings holte mich der Wechsel von der Reichsmark zur Deutschen Mark nach 20 Jahren noch einmal ein: Eine Tante hatte nach dem Krieg in Franken mit Heimarbeitern eine kleine Fabrikation von Einkaufstaschen aus Bast begonnen. Sie machte damals recht gute Geschäfte in Reichsmark. In meinen letzten Studienmonaten hatte sie mir einmal tausend Reichsmark gegeben, nicht geliehen; nur wenn es mir gut ginge, dann könnte ich sie ja zurückgeben, sonst sollte die Sache vergessen sein. Später zahlte ich ihr, wie in der Verordnung für den Geldumtausch festgelegt, für dieses Geld 100 DM zurück. Von Zinsen war nicht die Rede gewesen. Nun also rief mich ein mir völlig unbekannter Herr an. Er wäre ein Bruder der Tante und von ihr beauftragt, von mir die geliehenen tausend Mark, nebst Zinsen, einzuziehen. Er bitte um Überweisung. Meine Überraschung war perfekt! Immerhin konnte ich das unverschämte Anliegen unter Hinweis auf die Umtauschkriterien und meine Rückzahlung gleich zurückweisen.
Damit war nun für meine Frau und mich die Währungsreform endgültig gelaufen.

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